Die meisten Kampfkünste lernt man von der Technik her: erst die Bewegung, dann irgendwann die Erklärung, warum sie funktioniert. Latosa Escrima dreht das um. Am Anfang stehen sechs Begriffe, und jede Technik ist nur ein Werkzeug, um einen davon zu verstehen.
Großmeister Rene Latosa hat sein System über mehr als zwei Jahrzehnte getestet, bevor er ihm seinen Namen gab. Was dabei herauskam, ist kein Katalog von Abläufen, sondern eine Prüfliste.
Die sechs Kernkonzepte
- Gleichgewicht - stehst du so, dass du im nächsten Moment noch handeln kannst?
- Kraft - kommt sie aus der Struktur oder aus dem Arm?
- Geschwindigkeit - nicht wie schnell du zuckst, sondern wie kurz dein Weg ist.
- Fokus - trifft die Bewegung einen Punkt oder eine Fläche?
- Timing - im richtigen Moment, nicht im schnellsten.
- Haltung - die Körperposition, aus der alles andere überhaupt erst möglich wird.
Erst ihre Verbindung macht eine Technik wirksam. Fehlt eines, sieht die Bewegung womöglich sauber aus und trägt trotzdem nicht.
Warum das im Training einen Unterschied macht
Wenn im Escrima etwas nicht funktioniert, lautet die Frage nicht „welche Technik hätte hier gepasst?", sondern „welches der sechs Konzepte hat gefehlt?". Das ist ein anderer Weg zu denken, und er beschleunigt das Lernen erheblich.
Ein Beispiel: Ein Schlag kommt an, hat aber keine Wirkung. Die naheliegende Erklärung wäre zu wenig Kraft. Meistens stimmt sie nicht. Meistens stand das Gleichgewicht nicht, oder der Fokus lief über eine Fläche statt über einen Punkt. Mehr Muskel hätte daran nichts geändert.
Gleichgewicht kommt zuerst - immer
Von den sechs Konzepten ist Gleichgewicht das erste, und das ist keine willkürliche Sortierung. Wer aus dem Gleichgewicht handelt, kann die anderen fünf gar nicht abrufen. Kraft ohne Stand ist ein Schubs. Geschwindigkeit ohne Stand ist Hektik.
Im Training merkt man das sofort, wenn der Partner Druck gibt. Wer sein Gewicht falsch verteilt hat, muss den ganzen Körper korrigieren, bevor er wieder handeln kann - und diese halbe Sekunde ist der Unterschied.
Kraft ist nicht Muskelkraft
Kraft heißt im Latosa Escrima: Struktur, die von der Ferse bis in die Stockspitze durchgeht. Ein durchtrainierter Arm liefert davon einen kleinen Teil. Der größere Teil kommt aus Hüfte, Stand und der Frage, ob das Gelenk im Moment des Treffens gesperrt oder weich ist.
Das ist auch der Grund, warum ältere Trainierende im Escrima erstaunlich gut zurechtkommen. Wir haben dazu einen eigenen Beitrag geschrieben: Escrima mit 40, 50 oder älter.
Timing schlägt Geschwindigkeit
Geschwindigkeit und Timing werden gern verwechselt. Geschwindigkeit ist, wie schnell du bist. Timing ist, wann du losgehst. Wer im richtigen Moment startet, kommt mit mittlerem Tempo früher an als jemand, der eine Achtelsekunde zu früh sprintet.
Das ist eine gute Nachricht für alle, die keine zwanzig mehr sind. Geschwindigkeit lässt mit den Jahren nach. Timing wird besser.
Warum die Waffe zuerst kommt
Diese sechs Konzepte lernt man im Escrima nicht mit leeren Händen, sondern mit der Klinge. Das hat einen praktischen Grund: Ein Klinge verzeiht keine unsaubere Struktur. Wer falsch steht, merkt es sofort, weil die Waffe die Fehler vergrößert.
Mehr dazu steht in Warum Escrima mit Waffe beginnt.
Wer das lieber am eigenen Stand ausprobiert als nachliest: Latosa Escrima in Schwelm - Einstieg jederzeit möglich, Vorkenntnisse braucht es keine.