Der YouTube-Kanal Inside Fighting lebt davon, dass der Gastgeber Kampfkünste nicht nur vorgeführt bekommt, sondern am eigenen Körper spürt. Er ist BJJ-Schwarzgurt und hat schon viele Stile ausprobiert. Diesmal steht ihm Dai Sifu Emin Boztepe gegenüber, der Begründer von EBMAS. Heraus kommen gut 30 Minuten, in denen wenig erzählt und viel angefasst wird.
Das Video findest du hier: „I Trained With Emin Boztepe“ auf YouTube (englisch). Die Zitate unten sind sinngemäß aus dem Englischen übertragen. Das hier ist unsere Zusammenfassung, kein Ersatz für das Video.
Der Stand: nicht das Gewicht hält dich, sondern die Adduktion
Es beginnt ganz unten. Viele in der Wing-Chun-Welt diskutieren über Gewichtsverteilung, 40 zu 60 oder 30 zu 70. Boztepe dreht die Frage um: Entscheidend sei die Spannung der Adduktoren, also der Muskeln an der Innenseite der Beine. Sie halten den Fuß am Platz, nicht das Körpergewicht. Der Gastgeber soll das Bein wegfegen und kommt nicht weit. Selbst als der Fuß vom Boden abhebt, kämpft Boztepe nicht ums Gleichgewicht.
Dazu gehört die zweite Hälfte: Aus dieser Federung heraus wird explosiv nach vorn gegangen. Mit 64, wie er im Video selbst sagt. Sein Kommentar dazu ist typisch: Muskeln verstehen Explosivität erst, wenn man sie leiden lässt.
Die härteste Kritik gilt den eigenen Leuten
Wer ein Werbevideo für Wing Chun erwartet, wird überrascht. Boztepe nennt sich selbst den größten Kritiker seiner Kampfkunst. Viele Schulen hielten ihre Schüler mit immer neuen Programmen beschäftigt, bis sie das Schwitzen vergessen. Seine Forderung ist kurz: Leiden, wiederholen, verstehen.
Das ist auch unsere Erfahrung im Training. Chi Sao ohne Schlagkraft und ohne Druck bleibt ein schönes Spiel mit den Armen.
Vier Angriffe, eine Antwort
Der vielleicht klügste Moment: Boztepe lässt sich nacheinander eine Ohrfeige, einen Schwinger, die „Ohrfeige der Ex-Freundin“ und einen Roundhouse-Kick geben. Was ist der Unterschied? Nur die Distanz, sagt er. Es ist derselbe Winkel, also braucht es nicht vier Verteidigungen, sondern ein Konzept. Der Gastgeber kennt das aus den philippinischen Kampfkünsten, dort denkt man ebenfalls in Winkeln.
Für den Low Kick gilt das Gleiche. Statt Schienbein gegen Schienbein zu setzen, trifft er den Oberschenkel, bevor der Tritt seine Wucht entfaltet. Für ihn ist das Physik, keine Frage der Härte. Sein Argument: Wer Schienbein gegen Schienbein unterrichtet, muss das auch einer Frau erklären, die einem deutlich schwereren Gegner gegenübersteht.
Nicht die Hände jagen
Immer wieder taucht derselbe Gedanke auf: Er verfolgt nicht die Arme des Gegners, sondern geht zum Ziel, über die Mittellinie. Chi Sao erklärt er dabei nüchtern als Trainingsmethode, ähnlich wie Pratzenarbeit. Es schult Flexibilität und Koordination. Es ist kein Kampf.
Der Gastgeber fasst es irgendwann selbst zusammen: Alles, was Boztepe macht, ist ein Schlag, nie ein reiner Block. Blocken muss der andere.
Woher die Schlagkraft kommt
Der längste Teil gehört der Körpermechanik. Boztepe zeigt mehrere Kraftquellen getrennt voneinander:
- Handgelenk: ganz nah, beim Auftreffen die Faust verdichten.
- Ellenbogen: der Druck aus kurzer Distanz.
- Schulter: locker, der Arm wirkt wie eine Peitsche.
- Wirbelsäule: der Arm bleibt gestreckt, der Impuls kommt aus dem Rumpf.
Entscheidend sei, welches Gelenk bei welcher Distanz arbeitet. Der Gastgeber versucht es und stößt erst einmal wie ein Boxer. Das ist die ehrlichste Stelle im Video: Ein Leben lang anders trainiert, und das Gefühl dreht sich nicht in fünf Minuten. Boztepes Antwort: Du glaubst an das, was du geübt hast.
Für wen das System gedacht ist
Bei MMA und Boxen zollt Boztepe den Sportlern Respekt für ihr Training, zieht aber eine klare Linie: Im Sport gibt es Regeln, Gewichtsklassen und meist junge Athleten. Seine Kundschaft seien Hausfrauen, Anwälte, Banker und das Mädchen auf dem Heimweg von der Schule. Warum sollte eine kleinere Person festhalten, wenn sie auch treffen und weglaufen kann?
Wenn du das Thema vertiefen willst: Wir haben aufgeschrieben, warum Wing Tzun neben MMA, BJJ und Muay Thai relevant bleibt.
Boden, Messer und Escrima
Auch am Boden bleibt er bei seiner Linie: Er macht dort Wing Chun, kein Jiu-Jitsu. Wer sein Bein festhält, hat die eigenen Hände gebunden und bleibt offen für Treffer. Vorsicht ist trotzdem angebracht: Wie das gegen einen Grappler unter Druck ausgeht, zeigt eine Demonstration nicht. Dass der Gastgeber es als BJJ-Schwarzgurt trotzdem eindrucksvoll findet, sagt allerdings auch etwas.
Spannend für alle, die beides trainieren: Boztepe spricht über seinen langjährigen Lehrer Rene Latosa und zeigt, dass Winkel und Schritt im Wing Chun und im Latosa Escrima dieselben sind. Es ändert sich vor allem die Distanz, weil eine Waffe im Spiel ist.
Sein Schlusswort
Am Ende wird es überraschend versöhnlich. Rede nicht über andere Kampfkünste, trainiere. Sei ein guter Mensch. Wenn du Karate oder Kung Fu magst, werde gut darin. Wenn dich eine Schule belügt, wechsle. Und dann: trainieren, trainieren, trainieren.
Der Gastgeber schließt mit einem Satz, dem wir nur zustimmen können: Man muss es spüren, um es zu verstehen.
Das geht auch in Schwelm. Sifu Oliver Becker ist Direktschüler von Dai Sifu Emin Boztepe, und die erste Stunde in der Akademie an der Kaiserstraße 55 ist kostenlos. Mehr zum Unterricht steht auf der Seite zum Wing Tzun in Schwelm.