Wer zum ersten Mal jemanden die Siu Nim Tau laufen sieht, ist selten beeindruckt. Ein Mensch steht still und bewegt langsam die Arme. Keine Sprünge, keine Schritte, kein Partner. Es ist die unspektakulärste Sache im ganzen System - und die, ohne die nichts anderes trägt.
Vier waffenlose Formen, und diese kommt zuerst
Im Wing Tzun trainieren wir vier waffenlose Formen - Siu Nim Tau, Chum Kiu, Biu Jee und die Holzpuppenform - dazu die Langstock- und die Doppelmesserform. Sie bauen logisch aufeinander auf. Die Siu Nim Tau steht ganz am Anfang, und man hört nie auf, sie zu üben.
Was in der Form passiert
Die Siu Nim Tau ist stationär. Die Füße bleiben, wo sie sind. Damit fällt alles weg, was normalerweise von der eigentlichen Arbeit ablenkt: Schrittarbeit, Distanz, Partner, Timing. Übrig bleibt eine einzige Frage - wo genau ist der Arm, und woher kommt seine Kraft?
Geübt wird vor allem die Position des Ellbogens zur Körpermitte. Ein paar Zentimeter zu weit außen, und die Struktur bricht unter Druck zusammen. Ein paar Zentimeter richtig, und ein leichter Mensch hält einem schweren stand. Diesen Unterschied kann man nicht erklären, man muss ihn tausendfach wiederholen, bis der Arm ihn allein findet.
Warum sie so langsam ausgeführt wird
Der erste Abschnitt wird bewusst sehr langsam ausgeführt. Das hat nichts mit Meditation zu tun und alles mit Kontrolle: Bei geringem Tempo kann man nicht mit Schwung über einen Fehler hinwegkommen. Jede Ungenauigkeit bleibt sichtbar.
Wer schnell wird, verdeckt seine Fehler. Wer langsam bleibt, findet sie. Das ist der ganze Trick, und er ist auch der Grund, warum die Form für Anfänger anstrengender ist, als sie aussieht.
Der Name ist ein Hinweis
Siu Nim Tau wird üblicherweise mit „kleine Idee" übersetzt. Nicht die kleine Form, nicht die Anfängerform - die kleine Idee. Gemeint ist der Kern, auf den sich alles Weitere zurückführen lässt.
Was Fortgeschrittene daran finden
Die meisten Trainierenden mögen die Siu Nim Tau im ersten Jahr nicht besonders. Sie ist repetitiv, sie fühlt sich nach wenig an, und man würde lieber am Partner arbeiten. Das ändert sich, meistens ziemlich plötzlich.
Irgendwann merkt man im Chi Sao, dass ein Arm hält, der vor einem halben Jahr nachgegeben hätte - ohne dass man dafür etwas Neues gelernt hätte. Ab diesem Moment läuft man die Form freiwillig.
Man übt die erste Form nicht, bis man sie kann. Man übt sie, weil man sie kann.
Wie viel davon braucht ein Einsteiger?
Am Anfang lernt man den Ablauf. Das dauert ein paar Wochen. Danach beginnt die eigentliche Arbeit, und die hört nicht auf. Es ist völlig normal, dieselbe Form nach zehn Jahren noch zu korrigieren - nicht, weil man sie vergessen hätte, sondern weil man inzwischen mehr davon versteht.
Wie sich der Unterschied zwischen Form und Anwendung anfühlt, lässt sich schwer lesen. Im Wing Tzun in Schwelm steht am ersten Abend beides auf dem Programm. Passend dazu: Die vier Kampfprinzipien.